Was ich seit jeher wichtig finde, ist, sich in schwierigen Situationen selbst halten zu können. Nicht um alles alleine zu lösen - sondern dann, wenn es angebracht und hilfreich ist, erst mal selbst hinzuschauen.
Es gibt Momente, in denen wir uns nach innen wenden sollten.
Dann, wenn wir uns balancieren müssen.
Dann, wenn wir aus der Situation gerade nicht heraus können.
Dann, wenn Unterstützung im Außen nicht verfügbar - vielleicht aber auch nicht ratsam - ist.
Denn manchmal verwirren uns Stimmen im Außen eher, als dass sie zur Klärung beitragen.
Ich bin deshalb ein Fan davon, ein kleines Methodenköfferchen der Selbstwirksamkeit bei sich zu tragen.
Mit einfachen Werkzeugen, die Zugänge jenseits des Denkens eröffnen. Denn gerade das Denken bringt uns in Momenten von emotionaler Disbalance, innerem Chaos oder Entscheidungsunsicherheit oft wenig weiter.
Seit vielen Jahren arbeite ich mit unterschiedlichen Ansätzen im Umfeld von Coaching, emotionaler Regulation, Orientierung, Selbstfindung und Selbstführung.
Dabei komme ich immer wieder zum selben Schluss:
Es gibt nur wenige Tools, die sich wirklich zur Selbstführung eignen.
Viele Methoden sind zu komplex, brauchen Anleitung oder einen Resonanzraum mit einem anderen Menschen.
In diesem Artikel stelle ich vier Werkzeuge vor,
die sich aus meiner Sicht auch allein wirksam anwenden lassen.
Einfach, reduziert - und bewusst nicht als Ersatz für Begleitung gedacht.
Wichtig ist: Diese Tools haben Grenzen. Manchmal braucht es einen Menschen, der den Raum hält, damit Du Dich selbst hören und spüren kannst.
Worum es in diesem Artikel geht
In diesem Artikel stelle ich vier Werkzeuge vor, die sich aus meiner Erfahrung gut zur Selbstführung eignen
und dabei unterstützen, Selbstführung zu praktizieren und zu trainieren.
Es sind Einladungen zur eigenen Erkundung:
zur emotionalen Regulation, zur inneren Orientierung, zur Entscheidungsfindung und zur Erweiterung von Entscheidungsräumen.
Mini-Exkurs: Selbstführung
Kurz ein paar Worte zur Selbstführung und was das eigentlich ist. Wenn ich von Selbstführung spreche, meine ich die Führung des eigenen Selbst. Ganz schlicht: Etwas in mir geht voran - und etwas in mir folgt.
Selbstführung entsteht nicht automatisch, vor allem nicht in schwierigen Situationen. Sie setzt voraus, dass ich mich selbst wahrnehmen kann - auch aus einer gewissen inneren Distanz, wie aus einer Beobachterposition heraus.
Diese Fähigkeit ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Praxis.
Sie will geübt werden - ein Leben lang. Gerade dann, wenn Reizüberflutung herrscht,
emotionale Reaktionen nahe liegen oder Entscheidungsblockaden und innerer Druck entstehen.
Selbstführung bedeutet für mich vor allem eines: sich selbst gut halten zu können.
Die folgenden Tools verstehe ich als Übungsfelder für Selbstführung.
Nicht als Garantie, nicht als Ersatz für Begleitung - sondern als Unterstützung der eigenen Praxis.
Zu jedem Tool findest Du eine Kurzbeschreibung, Anwendungsfälle, Einsatzmöglichkeiten, Besonderheiten und Grenzen. Als Einladung, diese Werkzeuge für Dich zu erkunden.
Werkzeug 1: Die Sedona Methode
Persönliche Einordnung
Mich faszinieren vor allem einfache Methoden - gerade weil sie oft wirksamer sind als komplexe Ansätze. Es ist erstaunlich, mit wie wenig sich manchmal etwas bewirken lässt.
Die Sedona-Methode ist für mich genau so ein Werkzeug.
Ich kenne sie aus eigener Erfahrung als eine sehr wirksame Möglichkeit, sich emotional zu regulieren - ohne lange Analyse, ohne Vorbereitung, in wenigen Schritten.
Was mich bis heute erstaunt, ist ihre Schlichtheit. Mit wenigen Fragen lässt sich innere Anspannung lösen und wieder mehr innere Balance herstellen.
Ich finde es schade, dass diese Methode vergleichsweise wenig bekannt ist - denn für mich gehört sie unbedingt in einen Werkzeugkoffer der Selbstführung.
Kurzbeschreibung
Ein wirksames Werkzeug zur emotionalen Regulation durch Loslassen.
Die Methode arbeitet mit wenigen, einfachen Fragen und zielt darauf ab, innere Anspannung und emotionale Überladung zu reduzieren.
Typische Anwendungssituationen
- "Ich merke, dass mich eine Situation emotional überrollt und ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann."
- "Ich setze mich gerade stark unter Druck oder fühle mich innerlich angespannt."
- "Ich wünsche mir mehr innere Ausgeglichenheit, weiß aber gerade nicht, wie ich dorthin komme."
Wofür dieses Tool geeignet ist
- emotionale Überforderung
- innerer Druck und Anspannung
- Selbstregulation in akuten Situationen
- erste Stabilisierung, um wieder handlungsfähig zu werden
Wofür dieses Tool nicht geeignet ist
- tief verankerte, sich wiederholende Muster, die Spiegelung und Beziehung benötigen
- dauerhaft ungesunde Dynamiken, Beziehungen oder Umgebungen
- Situationen, die eine aktive Auseinandersetzung oder konkrete Veränderung erfordern
Wirkprinzip / Besonderheit
- schafft Abstand zur Emotion, ohne sie zu unterdrücken
- reguliert akute emotionale Belastungen schnell und unkompliziert
- arbeitet jenseits von Analyse und Problemlösung
Hinweis zur Grenze
- Wenn Du dieselbe Situation immer wieder regulieren musst, braucht es möglicherweise einen anderen Ansatz.
- Emotionale Regulation stößt dort an ihre Grenzen, wo eine Situation im Kern verlassen oder verändert werden müsste.
- Die entscheidende Frage ist oft nicht: Braucht es mehr Regulation?
sondern: Braucht es eine Veränderung?
Weiterlesen
Hier findest Du meinen ausführlichen Artikel zur Sedona-Methode mit Anleitung
→ Zum Sedona-Artikel
Werkzeug 2: Bodenanker
Persönliche Einordnung
Bodenanker nutze ich vor allem dann, wenn ich zwischen mehreren Optionen stehe
und merke, dass ich gedanklich nicht weiterkomme.
Für mich sind sie weniger ein Werkzeug zur sofortigen Entscheidungsfindung
als vielmehr eine Möglichkeit, überhaupt erst einmal zu spüren,
wie ich innerlich zu verschiedenen Optionen stehe.
Manchmal entsteht eine klare Entscheidung. Manchmal aber auch „nur“ eine erste Orientierung:
Was fühlt sich stimmig an? Was instabil? Was trägt - und was nicht?
Gerade dafür schätze ich Bodenanker sehr.
Sie eröffnen einen Erfahrungsraum, in dem nicht zwingend entschieden werden muss,
sondern wahrgenommen werden darf.
Kurzbeschreibung
Ein körperorientiertes Werkzeug zur inneren Orientierung.
Bodenanker nutzen den Körper als Wahrnehmungs- und Entscheidungsinstanz – jenseits von Grübeln und Abwägen.
Typische Anwendungssituationen
- "Ich stehe zwischen mehreren Optionen und komme gedanklich nicht weiter."
- "Ich weiß noch nicht, was ich will – aber ich spüre, dass eine Entscheidung ansteht."
- "Ich möchte erst einmal Orientierung finden, ohne sofort eine endgültige Entscheidung treffen zu müssen."
- "Ich möchte spüren, was stimmig ist - nicht nur denken."
Wofür dieses Tool geeignet ist
- erste Orientierung in Entscheidungsprozessen
- Herauskommen aus Gedankenspiralen
- Zugang zur Körperwahrnehmung und Intuition
- Klärung im Sinne von Was fühlt sich stimmig an - und was nicht?
Wofür dieses Tool nicht geeignet ist
- finale Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen
- Situationen, in denen Sicherheit, Fakten oder externe Klärung notwendig sind
- für Menschen, die stark vom Körperkontakt abgeschnitten sind und dadurch wenig spüren können
- Entscheidungssituationen, die Zeit und Reifung brauchen
Wirkprinzip / Besonderheit
- verlagert den Fokus vom Denken in die körperliche Wahrnehmung
- macht innere Spannungen, Enge oder Weite direkt erfahrbar
- eröffnet neue Perspektiven, ohne Entscheidungen zu erzwingen
Hinweis zur Grenze
- Bodenanker geben Orientierung, aber keine Antworten.
- Sie zeigen oft deutlicher, was nicht mehr stimmig ist, als was bereits klar gewählt werden kann.
- Auch hier gilt: Wenn sich immer wieder dieselbe Entscheidungsschleife zeigt, braucht es möglicherweise einen tieferen Klärungsraum.
Mini-Übung Bodenanker (optional)
Wenn Du Bodenanker selbst ausprobieren möchtest, findest Du hier eine kurze, einfache Übung zur Orientierung bei Entscheidungsfragen.
Werkzeug 3: Innere Selbstführung durch Sprache
(inspiriert von Milton Erickson)
Persönliche Einordnung
Sprache wirkt - nicht nur nach außen, sondern auch nach innen.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit innerer Sprache und habe immer wieder erlebt,
wie stark Worte innere Zustände beeinflussen können.
Nicht über Analyse, sondern über feine Verschiebungen im Erleben.
Die im folgenden erwähnten Sprachmuster verstehe ich nicht als Hypnose sondern als Zugang zu inneren Zuständen von Entspannung und Trance, die wir alle aus dem Alltag kennen. Dabei geht es auch nicht um die gesamte Bandbreite hypnotischer Sprachmuster, sondern um die, die der Selbstregulation und Selbstführung dienen.
Kurzbeschreibung
Ein körpernahes Werkzeug zur Selbstregulation über innere Sprachmuster.
Bestimmte sprachliche Konstruktionen können innere Spannungszustände verändern, ohne dass sie „gelöst“ oder verstanden werden müssen.
Typische Anwendungssituationen
- "Ich stehe innerlich unter Druck und merke, dass ich mich nicht entspannen kann."
- "Je mehr ich mich anstrenge, desto angespannter werde ich."
- "Ich möchte zur Ruhe kommen, aber mein Kopf macht nicht mit."
Wofür dieses Tool geeignet ist
- innere Anspannung und Stress
- Selbstregulation bei unangenehmen inneren Zuständen
- Unterstützung bei Entspannung und Beruhigung
- Situationen, in denen der Verstand keine hilfreiche Lösung findet
Wofür dieses Tool nicht geeignet ist
- tiefergehende emotionale Themen, die Beziehung oder Spiegelung brauchen
- Situationen, in denen konkrete Entscheidungen oder Handlungen gefragt sind
- Zustände, in denen innere Sprache eher zur Vermeidung als zur Regulation genutzt wird
Wirkprinzip / Besonderheit
- nutzt Sprache, um innere Muster sanft zu unterlaufen
- wirkt oft direkter und somatischer als rein kognitive Ansätze
- setzt nicht auf Kontrolle, sondern auf Umgehung innerer Widerstände
Ein Beispiel: Der Double Bind
Ein bekanntes Sprachmuster aus der Arbeit von Milton Erickson ist der sogenannte Double Bind.
Dabei werden zwei sich eigentlich widersprechende Zustände logisch miteinander verknüpft.
Ein einfaches Beispiel zur Selbstregulation:
"Je mehr ich mich innerlich unter Druck setze, desto mehr entspanne ich mich."
Aus rein rationaler Sicht ergibt das keinen Sinn:
Unter Druck stehen und sich entspannen gelten als Gegensätze.
In dieser sprachlichen Kopplung reagiert jedoch oft zuerst der Körper.
Bevor der Verstand den inneren Widerspruch greifen oder hinterfragen kann,
setzt bereits eine körperliche Entspannungsreaktion ein.
Genau darin liegt die Wirkung dieses Sprachmusters.
Hinweis zur Grenze
- Auch sprachliche Selbstführung ersetzt keine notwendige Veränderung im Außen.
- Wenn innere Spannungszustände dauerhaft auftreten, braucht es oft mehr als Regulation.
- Sprache kann führen - sie sollte aber nicht dazu dienen, sich selbst zu übergehen.
Werkzeug 4: Das Tetralemma
Persönliche Einordnung
Das Tetralemma ist ein Denk- und Entscheidungsraum, mit dem ich mich seit einiger Zeit beschäftige.
Ich erlebe es weniger als Methode, sondern eher als Einladung, lineares Denken zu verlassen.
Kurzbeschreibung
Das Tetralemma erweitert klassische Entweder-Oder-Entscheidungen um zusätzliche Perspektiven.
Es öffnet einen Raum, in dem nicht sofort entschieden werden muss - sondern erst einmal gesehen.
Typische Anwendungssituationen
- „Ich stecke zwischen zwei Optionen fest und komme innerlich nicht weiter.“
- „Keine der naheliegenden Möglichkeiten fühlt sich wirklich stimmig an.“
- „Ich habe das Gefühl, dass der eigentliche nächste Schritt noch gar nicht sichtbar ist.“
Wofür dieses Tool geeignet ist
- Erweiterung von Entscheidungsräumen
- Lösen aus inneren Sackgassen
- Situationen, in denen ein vorschnelles Entscheiden eher schadet
- Klärung auf einer Metaebene
Wofür dieses Tool nicht geeignet ist
- schnelle Alltagsentscheidungen
- akute emotionale Regulation
- Situationen, in denen sofortiges Handeln erforderlich ist
Besonderheit
Das Tetralemma zielt nicht auf eine Lösung,
sondern auf Bewegung im Denken und Wahrnehmen.
Oft zeigt sich nicht, was richtig ist -
sondern wo eine bisher ungesehene Möglichkeit liegt.
Hinweis
Ich gehe hier bewusst nicht tiefer ins Detail.
Das Tetralemma wirkt weniger über Anleitung
und mehr über das tatsächliche Erleben dieses erweiterten Raumes.
Eine vertiefende Auseinandersetzung folgt.
Gedanken zum Schluss
Selbstführung ist keine Technik, die man einmal lernt und dann beherrscht.
Sie ist eine Praxis - und sie wird mit der Zeit reifer, selbstverständlicher, einfacher.
Manche Werkzeuge passen sofort. Andere vielleicht später.
Und manches geht irgendwann so sehr in Fleisch und Blut über, dass es kaum noch bewusst angewendet werden muss.
Vielleicht merkst Du mit der Zeit, dass Du bestimmte Schritte verkürzen kannst.
Dass Du bei Entscheidungsfragen innerlich die Richtung spürst, ohne Zettel auf dem Boden zu brauchen. Oder dass sich emotionale Regulation schneller einstellt,
weil Du geübter und besser eingestimmt bist auf Dich.
Erkunde die Werkzeuge, die etwas in Dir anklingen lassen. Probiere aus, was Dir liegt - und was nicht. Und sei geduldig mit Dir, wenn etwas nicht sofort funktioniert.
Wenn Du Fragen hast, etwas teilen möchtest oder neugierig geworden bist,
schreib mir gern in die Kommentare oder per E-Mail.
Weiterlesen
Wenn Du gerade in einer Phase des Nicht-Wissens bist und Entlastung suchst, findest Du hier einen weiteren Gedankenraum dazu: Ich weiß nicht, was ich will – warum das okay ist (und was hilft)
Bildquelle:
Titelbild (Dunkle Steine vor hellem Hintergrund): Foto von Mathilde Langevin für Unsplash+
